Unter demselben Himmel

Flucht vor den Taliban nach Europa

berichtet von Janan Musafar (M.B.)

aufgeschrieben von Claudia Wipplinger-Müller


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    Der Abschied

    Wir trinken noch Tee zusammen.
    Es ist 10 oder 11 Uhr, als ich aufstehe und sage: „Es ist Zeit zu gehen.“
    Mein Vater ist da, meine Mutter, meine 4 Schwestern, meine 5 jüngeren Brüder, meine Frau mit unserem Baby S. im Arm. Und mein kleiner Sohn B. .
    Alle erheben sich und wir treten aus dem Haus.

    Meine Mutter sagt: „Warte ein bisschen, ich will Dich noch einmal ansehen.“
    Und sie sieht mich an.
    Tränen fließen über ihr Gesicht. Leise.
    Dann kommt sie langsam näher, legt ihre beiden Arme um mich, drückt ihr Herz an mein Herz.
    Dann legt sie ihren Kopf auf meine linke Schulter und weint und weint. Sie nimmt meinen Kopf in ihre Hände und küsst mich überall im Gesicht.
    Ich weine nicht.
    Ich bin auch unglücklich, aber ich will meine Mutter nicht noch mehr unglücklich machen.

    Dann verabschiede ich mich von meinen Schwestern und den jüngeren Brüdern.

    Als Letztes verabschiede ich mich von meiner Frau.
    Sie steht vor mir und hat unser zweites Kind, unsere Tochter S., in den Armen. Ich gehe zu ihr hin und ich nehme den Kopf vom Baby und küsse es. Meine Frau küsse ich nicht. Wir geben uns die Hand und sie sagt: „Allah soll deinen Weg sichern. Nichts Schlimmes soll dir passieren. Allah soll dich beschützen. Du hast einen langen Weg vor dir, Allah soll dir immer den Weg freimachen.“
    Dabei weint sie die ganze Zeit. Aber genau wie meine Mutter weint sie leise. Nur die Tränen fließen ununterbrochen über ihr Gesicht.
    Ich hätte sie gerne geküsst, aber ich habe mich geschämt. Meine ganze Familie steht um uns herum.

    Mein kleiner Sohn rennt die ganze Zeit zwischen uns herum.
    Er versteht noch nicht, was los ist. Ich drehe mich um und will gehen. Da läuft mein kleiner Sohn mir hinterher und ruft:
    „Ich komme mit!“ Ich sage: „Nein, geh zurück!“
    „Nein, ich komme mit dir mit! - Wo gehst du hin?“
    „Ich gehe einkaufen.“ - „Ich gehe mit einkaufen!“
    „Nein, du bleibst da!“ - „Nein, ich gehe mit einkaufen!“
    „Wenn du dableibst, dann kaufe ich etwas Schönes für Dich!“
    „Wann kommst du zurück und bringst es mir?“
    „Bald!“ - „bald?“
    „Ja. Bald.“
    „Ok, Vater, ich warte auf dich!“
    „Ok, bis später, Sohn“
    „Ok, bis später, Vater!“
    und er lacht und lacht. Laut.

    Ich wende mich meinem Weg zu und gehe.
    Mein Vater sagt nicht auf Wiedersehen.
    Er geht mit mir den Weg.
    Nach etwa 50 Metern drehe ich mich um und sehe meine Mutter zurück ins Haus gehen. Jetzt erst darf auch ich weinen.

    Nach einiger Zeit sage ich zu meinem Vater: „ Jetzt ist es genug.
    Kehr um. Geh nach Hause, Vater.“
    Aber mein Vater kehrt nicht um.
    Ich bitte meinen Vater, er soll auf dem Markt etwas kaufen, es meinem Sohn geben und ihm sagen, es sei von Janan. Er geht neben mir bis wir zu der schwarzen Limousine kommen.
    Als ich drinnen sitze, sehe ich durch die Scheiben meinen Vater.
    Wir sehen uns stumm an. Tränen fließen über sein Gesicht.
    Wir sagen nicht auf Wiedersehen.
    Wir sehen uns nur in die Augen, als der Wagen langsam losfährt.


    Die weiteren Kapitel:

    Durch Afghanistan in den Iran

    Im Iran

    ... Tote sind darin ...

    In der Türkei

    Achtmal Bulgarien und zurück

    In Bulgarien

    Serbien

    Wohin sollen wir fahren?

    Ungarn

    „Warum bist du von Zuhause weg?“

    Im Österreich

    Mein Fingerabdruck ist in Österreich

    Schreibe bitte am Schluss